Nach Jahren des Aufrüstens setzt die Polizei beim Kampf gegen Fußballgewalt auf einen Strategiewechsel: Eingegriffen werden soll nur noch dann, wenn es die Lage wirklich erfordert.

Hamburg will im Kampf gegen Fußballgewalt künftig auf einen Strategiewechsel setzen, den viele vor nicht allzu langer Zeit als viel zu riskant eingeschätzt hätten: Sie will, statt immer mehr, deutlich weniger Polizei einsetzen. Ausgerechnet in einer Stadt, in der mit dem HSV und dem FC St. Pauli regelmäßig zwei Rivalen aufeinandertreffen, deren Derbys als Hochrisikospiele gelten, will die Polizeiführung weg vom ewigen Hochrüsten. Timo Zill, Chef der Schutzpolizei, nennt die Strategie den „neuen Hamburger Weg“. Und der bedeutet: deutlich weniger Kräfte im Einsatz, mehr Verantwortung für Vereine und Fanmilieus, mehr Kommunikation. Und polizeiliches Eingreifen nur dort, wo es wirklich nötig ist. Wir haben an unser Vorstandsmitglied und Inhaber der POWER GmbH, Carsten Klauer, 3 Fragen gestellt:

Frage 1: Timo Zill, Chef der Schutzpolizei Hamburg, nennt die Strategie „weniger Polizei in Fußballstadien“ den „neuen Hamburger Weg“. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Carsten Klauer: „Die Stadien in Deutschland sind sicher. Das mag vielleicht für den einen oder anderen in Anbetracht von durch Medien tw. hochstilisierte Meldungen und durch den Anblick gezündeter Pyrotechnik befremdlich klingen. Aber die Anzahl von Straftaten sind im Verhältnis zu den zigtausend anwesenden Zuschauern auf sehr niedrigem Niveau.

Wir sind seit vielen Jahren in mehreren Stadien in Deutschland mit unseren Sicherheitskräften tätig. Die Zusammenarbeit mit der Polizei findet immer auf gutem und hohem Niveau statt. Hier in Hamburg ist die Polizei bereits an den vergangenen Spielen mit verringerter Präsenz vertreten. Ich bin häufig im Volksparkstadion im Einsatz und kann die Lage hier noch besser als in den anderen Stadien einschätzen. Durch frühzeitige Bewertung der Sicherheitslage durch die Polizei und den HSV und während des Spiels sehr direkter und enger Kommunikation und Zusammenarbeit konnten wir – auch bei verringerter Polizeipräsenz – alle sich anbahnenden besonderen Lagen schnell und professionell in den Griff bekommen.

Bei weiterer Reduzierung der Polizeipräsenz bis hin zu „Zero Polizei“ werden wir weiter gefordert werden und müssen die Rahmenbedingungen entsprechend anpassen. Aber das ist keine Einbahnstraße. Auch die Polizei hat ein hohes Interesse an der Verfolgung von durch uns aufgedeckten Straftaten und an der Zuführung der Tatverdächtigen durch unsere Sicherheitskräfte. Daher wird die Polizei auch weiterhin im Hintergrund präsent sein – und bei besonderen Lagen ohnehin. Das ist allein schon den großen Menschenmengen geschuldet, die Polizei muß reaktionsfähig bleiben. Insofern werden wir auch in Zukunft auf die Polizei bauen können, wenn wir zunächst auch deutlich mehr gefordert sein werden. Kurzum: Wir trauen uns zu, den steigenden Anforderungen auch in Zukunft gerecht zu werden – und als Bürger und Steuerzahler sehe ich dieser Entwicklung ebenfalls optimistisch entgegen.“

Frage 2: Bedeutet die Entscheidung der Polizeiführung, daß der Fußballverein und Ihr Sicherheitsunternehmen zukünftig mehr Personal als Ordner je Spiel einsetzen müßten? Wenn ja, wir hoch wäre die Quote?

„Wir sind bereits gut aufgestellt im Volksparkstadion (wie auch in den anderen Stadien). Bei weiterem Rückzug der Polizei müssen wir sicherlich an einzelnen Positionen unsere Kräfte noch verstärken. Aber das wird auch die weitere Erfahrung zeigen. Ich bitte um Verständnis, dass ich an dieser Stelle keine konkreten Zahlen oder Quoten benennen kann.“

Frage 3: Wenn sich die Polizei langfristig ganz aus den Stadien zurückziehen will, müßte das gesamte Ordner- und Sicherheitspersonal weitere Schulungen, wie „Polizeitaktik“, erhalten?

„Quantität ist nicht alles. Wir setzen bereits heute schon hochqualifizierte Führungs- und Spezialkräfte, einige mit polizeilichem Hintergrund, ein. Unsere eingesetzten Kräfte verfügen neben § 34a (sofern sie nicht nur als Ordnungskräfte eingesetzt sind) über die DFB-zertifizierte Qualifizierung mit theoretischen und praktischen Ausbildungsinhalten. Darüber hinaus trainieren wir in unserer POWER-Akademie regelmäßig spezielle Deeskalations- und Festnahmetechniken. Unsere Trainier kommen tw. von der Polizei, z.B. einen ehemaligen Ausbildungsleiter des MEK Hamburg oder ein Spezialist der niedersächsischen Polizei. Trotz dieses hohen Standards gilt: Die Erfahrungen der nächsten Zeit werden zeigen, inwieweit die Konzepte seitens der Polizei und des Vereins greifen und wie die Fans darauf reagieren werden und in welchen Bereichen wir ggf. nachschärfen müssen.“

https://www.welt.de/regionales/hamburg/article69c62fba8f57616717160fc4/neuer-hamburger-weg-zero-kraefte-ein-ueberraschender-strategiewechsel-gegen-fussballgewalt.html

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